Dienstag, 4. April 2017

Kunst und Scham

Jamie Isenstein, The Eyehole, 2006, 18 x 6 x 5 cm, Courtesy the artist and Meyer Riegger, © Jamie Isenstein

"Die innere Haut - Kunst und Scham", eine Ausstellung bis zum 4. Juni 2017 Marta Herford    Scham ist eine im Körper verankerte Emotion, die durch bestimmte Reize ausgelöst wird. Sie kann körperliche Reaktionen wie die Errötung der Haut, Zittern oder Herzklopfen hervorrufen. Wann und warum man sich schämt, ist individuell verschieden und hängt stark vom sozialen Umfeld ab. Das Alter und Geschlecht, die Erziehung, Normvorstellungen, der kulturelle Hintergrund sowie individuelle Erfahrungen sind Faktoren, die dieses Gefühl beeinflussen.

Auf sinnliche, berührende und humorvolle Weise gliedern sich die überwiegend zeitgenössischen Werke in vier Themengebiete. In der Eingangsgalerie gerät zunächst der Besucher in den Fokus. Ein aufgestellter großer Spiegel zwingt ihn zur Selbstwahrnehmung. Schäme ich mich für das, was ich sehe oder bin ich fasziniert? Eine entscheidende Frage, die durchweg in allen Räumen der Ausstellung neu gestellt werden kann. Um den Umgang mit schambesetzten Situationen, aber auch um die Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen, geht es in der Installation „Four participants and various scenarios of a shameful situation” von Eva Kotátková. Marionetten werden auf einem bühnenartigen Podest regelmäßig während der Ausstellungslaufzeit von einer Puppenspielerin inszeniert. Die Figuren handeln miteinander und schaffen soziale Konstellationen, die einem Skript folgen, auf das auch der Besucher in einem festgelegten Rahmen Einfluss nehmen kann.

Mit Albrecht Dürers „Adam und Eva“ verweist die Ausstellung auf die lange Darstellungstradition von Scham in der Kunst. Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das Ende des paradiesischen Naturzustandes. Ein ähnlicher Umbruch ist die Pubertät: Hier setzt man sich nochmal intensiv mit seiner Identität auseinander und das Schamhafte gerät ins tiefere Bewusstsein. Auf den Fotografien von Rineke Dijkstra wirken die Jugendlichen unsicher und fühlen sich sichtlich beobachtet. Bruce Gilden hingegen zeigt mit seinen überdimensionierten Porträts „Jamie“ und „Julie“ genau das, was man eigentlich zu dieser Zeit zu verstecken versucht: die von hormonellen Veränderungen gezeichneten Gesichter. Bei Michaël Borremans‘ „The Unicorn“ verwandelt sich der Besucher ungewollt in eine Art Voyeur, der von der Scham Anderer unterhalten wird. Beinah exhibitionistische Züge trägt das „Selbstporträt als Kind“ von Clemens Krauss. Der Künstler spielt auf seine eigene Häutung an, indem er seine jugendliche Haut mit Silikon und Echthaar hyperrealistisch nachbildete.

Das Gefühl von Scham entsteht auch dann, wenn in die Intim- und Privatsphäre eingriffen wird. Jamie Isensteins Blick in ein Schlüsselloch spielt mit der Neugier des Menschen, die Geheimnisse des Anderen zu lüften. Mit seiner Performance „En somme“ (Im Schlaf) Nr. 44 offenbart Virgile Novarina den intimen Moment des Schlafens und Träumens. Mit einer von ihm entwickelten Technik kann er währenddessen in eine Wachphase wechseln und in kürzester Zeit Wahrnehmungen notieren, die im Tiefschlaf auftreten. Eine andere Form von Offenbarung wird in der Fotografie „Vivienne Westwood, No. 1, London“ von Juergen Teller sichtbar. In Anlehnung an Édouard Manets skandalträchtige „Olympia“ präsentiert er die Modeschöpferin völlig unverhüllt und in selbstbewusster Pose. Zutiefst bewegend ist das Werk „MARE NOSTRUM“ (Unser Meer) der documenta-Künstlerin Miriam Cahn, das auf die aktuelle Flüchtlingssituation im Mittelmeer Bezug nimmt. Verhüllt, aber gleichzeitig entblößt, zeigen sich hier die blassen, menschlichen Körper.


Im nächsten Raum erfüllt sich der Wunsch nach dem Blick hinter die Kulissen: Auf einer großen Leinwand wird der Film „Deep Gold“ (Tiefes Gold) von Julian Rosefeldt präsentiert. Hier bewegt sich der Protagonist wie in einem Traum durch das Berlin der 1920er Jahre.

Gesellschaftliche Akzeptanz definiert sich über die Einhaltung bestimmter Normen. Abweichung im Sexualleben, im äußeren Erscheinungsbild durch Alter, Krankheit, Herkunft oder Armut sind oftmals schambesetzt. Während Ulf Aminde mit der privaten Dia-Show „Lust“ das zurückgezogene und scheinbar verwahrloste Leben seiner Cousine erzählt, pointiert eine Fotografie des exzentrischen Designers und Künstlers Leigh Bowery die Geschlechtergrenzen und das gängige Schönheitsideal. Berlinde de Bruyckere „versteckt“ ihre Skulptur unter mehreren Decken vor den Augen des Betrachters. Die Szene wirkt humorvoll und beklemmend zugleich.

Vor allem in den 1960er Jahren setzen sich KünstlerInnen mit den gesellschaftlichen Normen sowie mit der Konstruktion von Geschlecht und Sexualität auseinander. Mit der Übertretung dieser Schamgrenzen befreien sie sich von bestehenden Zwängen. Dass neben der Provokation vor allem Humor der treibende Faktor ist, um den empfundenen Beschämungen etwas entgegenzusetzen, zeigt hier u.a. die Künstlerin Sarah Lucas: Die funktionstüchtige Toilette mit dem Titel „The great Flood“ (Die Sintflut) zieht den intimen Klogang in die Öffentlichkeit. Mit „Hair“ und „Sperm“ schuf Gary Schneider ein genetisches und zugleich sehr intimes Selbstporträt: Mit Mikroskopen und anderen bildgebenden Verfahren vergrößerte der Künstler diese Körperbestandteile um ein Vielfaches. Die einst vom Spiegel als „Queen of Schamlos“ betitelte Künstlerin Tracey Emin lässt durch ihre Lichtinstallation „Fuck Off And Die You Slag“ die Galerie fast schon zweideutig erröten.