Donnerstag, 22. September 2016

Tagebücher, die aufhorchen lassen

Abbildung: dtv

André Postert "Der Junge Schall", dtv, 24,- EUR, ISBN 978-3-423-28105-8    Franz Albrecht Schall (1913 – 2001) stammte aus einem bildungsbürgerlichen protestantischen Elternhaus in Thüringen. Der Vater war mit Hesse befreundet und verfolgte besorgt die Krise der Demokratie. Doch der Sohn trat bereits mit 17 der nationalen Jugend bei. Wie der junge Mann in den Sog des Nationalsozialismus geriet, davon zeugen seine Tagebücher: Massenaufmärsche, politische Vorträge und Propagandafahrten sind ebenso festgehalten wie seine persönlichen Eindrücke. Während der Vater wegen Kontakten zur Opposition verhaftet wurde, machte der Sohn Karriere in der Diktatur. Fast bis Kriegsende war sein Glaube an das Regime ungebrochen.
Unverfälscht zeigen die Tagebücher die Anziehungskraft dieser Politik auf junge Menschen. Zusammen mit der historischen Einordnung eröffnen sie einen neuen Blick auf diese Zeit und sind zugleich ein sehr anschaulicher Beitrag zum Thema Jugend und ideologische Verführung.
Köllefornia informiert: André Postert, Dr. phil., Jg. 1983, hat Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen studiert und 2013 am Lehrstuhl von Wilfried Loth seine Promotion abgeschlossen. Während seines Studiums war er als wissenschaftliche Hilfskraft tätig, ab 2014 als Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf und freier Mitarbeiter am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Seit 2014 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut in Dresden. Seine Forschungsschwerpunkte: Konservatismus/Konservative Revolution, Opposition und Widerstand, Jugendorganisationen in der Diktatur sowie  Mentalitätsgeschichte.